Zwischen Labor und Klinik: WWTF fördert zwei Projekte der Fakultät

30.01.2019

Ziel des WWTF Life Sciences Call 2018 war die Verknüpfung von Forschung mit den Bedürfnissen von PatientInnen. Von den ursprünglich 114 Einreichungen fördert der Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds neun Projekte, darunter zwei der Fakultät für Chemie. Das Projekt von Veronika Somoza untersucht, inwiefern der Aromastoff Homoeriodicytol gegen die Geschmacksstörungen von KrebspatientInnen wirkt. Die Rolle von Biofilmen bei Darmerkrankungen steht im Mittelpunkt des Projektes von Markus Muttenthaler.

Die weiteren erfolgreichen Projekte aus dem WWTF Call sind an der Medizinischen Universität Wien und St. Anna Kinderkrebsforschung angesiedelt. Die Ausschreibung hatte es laut WWTF zum Ziel, "die Interaktion von Labor und Klinik voranzutreiben".  

Geschmackswahrnehmung bei KrebspatientInnen

Die Chemotherapie führt bei 40 bis 85 Prozent der KrebspatientInnen zu Geschmacksstörungen. Die PatientInnen verlieren ihren Appetit, mit Folgen für ihre Ernährung und Lebensqualität. "Es fehlen wirksame Therapien gegen diese Geschmacksstörung. Wir wollen hier einen neuen Ansatz unter Verwendung eines hoch potenten Aromastoffes testen", sagt Veronika Somoza, Vorständin des Instituts für Physiologische Chemie, die ihr WWTF-Projekt als eines von drei ausgewählten Projekten im Rahmen der WWTF-Pressekonferenz Anfang Dezember vorstellte.

Homoeriodicytol (HED) maskiert das Bitterempfinden. Der Aromastoff kann z.B. den bitteren Geschmack von Koffein bis zu 43 Prozent vermindern. Durch Chemotherapeutika verursachte Geschmacksstörungen werden oft als stark bitter beschrieben. Veronika Somoza wird in Zusammenarbeit mit Agnes Reiner, ebenfalls vom Institut für Physiologische Chemie, sowie mit Christoph Grimm von der MedUni Wien untersuchen, ob HED als Appetitanreger fungieren kann. In einer klinischen Studie erhalten Eierstockkrebs-Patientinnen nach Abschluss der Chemotherapie eine Mundspüllösung mit HED vor jedem Essen. Die ForscherInnen erfassen die Effekte des Aromastoffes auf die Geschmackswahrnehmung und Nahrungsaufnahme.

Darüber hinaus wird die Wirkung von Chemotherapeutika und HED auf Geschmackszellen erfasst: "Anhand eines 3D-Zellkulturmodells von Geschmacksknospen wollen wir untersuchen, wie sich deren Rezeptorausstattung verändert, sobald sie mit dem Chemotherapeutikum – entweder in Anwesenheit oder in Abwesenheit von HED - behandelt werden", erzählt Somoza.

Die Forscherin hat HED bereits in ihrem Christian Doppler Labor (CDL) für Bioaktive Aromastoffe untersucht: "Man sagt oft, dass Grundlagenforschung die Voraussetzung für angewandte Forschung ist. Wir zeigen in diesem Fall, dass wir aus Teilen der angewandten Forschung unseres CDLs für Bioaktive Aromastoffe in die Grundlagenforschung gehen."

Biofilme bei Darmerkrankungen

Chronische Erkrankungen des Magen-Darmtrakts wie etwa Morbus Crohn und Colitis ulcerosa sowie das Reizdarmsyndrom betreffen 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung westlicher Länder. Bei ihrer Behandlung werden vor allem die Begleiterscheinungen bekämpft: "Es gibt noch keine effektive Therapien, die bei den Krankheitsursachen ansetzen", sagt Markus Muttenthaler vom Institut für Biologische Chemie.

In seinem dreijährigen Projekt will der Medizinchemiker in Zusammenarbeit mit Christoph Gasche, Gastroenterologe der MedUni Wien, und Athanasios Makristathis, klinischer Mikrobiologe der MedUni Wien, die Rolle von bakteriellen Biofilmen im Darm bei PatientInnen mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen untersuchen und neue Behandlungsstrategien entwickeln.

Vorstudien haben gezeigt, dass die Biofilme - Lebensgemeinschaften von Mikroorganismen im Darm - in direktem Zusammenhang mit chronsich-entzündlichen Darmerkrankungen auftreten: "Wir wissen aber kaum etwas über die Zusammensetzung und Funktion dieser Biofilme", sagt Markus Muttenthaler. Die Forscher wollen in ihrem Projekt krankheitsspezifische Biomarker - also Moleküle, Mikroorganismen oder Gene - über die Analyse der Biofilme finden. Sie könnten einmal zur Krankheitsdiagnose dienen. Zudem sollen die Biofilme kultiviert und darmspezifische Biofilm-Substanzen entwickelt werden, die den Weg für neue therapeutische Strategien bereiten können.

"Effektive Strategien zur Behandlung chronischer Darmerkrankungen bedeuten vor allem eine deutliche Steigerung der Lebensqualität für die Betroffenen. Sie helfen zudem, die hohen Behandlungskosten im Gesundheitswesen zu reduzieren", so Markus Muttenthaler, der auch im Rahmen seines ERC Starting Grant neue therapeutische Ansätze gegen gastrointestinale Erkrankungen untersucht. "Das Projekt ist eine große Chance, in Zusammenarbeit mit der klinischen Forschung Biofilme als ein wichtiges Puzzlestück im Gesamtverständnis von chronischen Darmerkrankungen zu untersuchen und ihr Potenzial für neue Wundheilungsmethoden zu erheben."


Service

  • LS18-059 Veronika Somoza (University of Vienna): Improvement of taste perception by homoeriodictyol in cancer patients after chemotherapy
  • LS18-053 Markus Muttenthaler (University of Vienna): Targeting mucosal biofilms in patients with gastrointestinal disorders
Im Jahr 2018 widmete der WWTF seinen Life Sciences Call der Interaktion von Labor und Klinik (Copyright: Pixabay.com).
Vize-Dekanin und Institutsvorständin Veronika Somoza beschäftigt sich in ihrem WWTF-Projekt mit der Verbesserung der Geschmackswahrnehmung bei KrebspatientInnen (Copyright: Veronika Somoza).
Medizinchemiker und ERC-Forscher Markus Muttenthaler untersucht die Rolle von Biofilmen bei chronischen Darmerkrankungen (Copyright: Universität Wien/ Barbara Mair).