Chemieunterricht verstehen

30.01.2020

Michael Anton ist Experte für Didaktik der Chemie und langjähriger Gastprofessor der Fakultät. Nun hat der ehemalige Gymnasiallehrer für Chemie und Biologie und ehemalige Leiter der Chemiedidaktik an der Universität München seine Erkenntnisse über einen erfolgreichen Chemieunterricht in Buchform zusammengefasst.

Worin liegt für Sie die Faszination der Chemie als Unterrichtsfach?

Chemie ist die Lehre von den Stoffartumwandlungen. Um Mineralien, Naturstoffe wie Hölzer oder Nahrungsmittel, Metalle, Flüssigkeiten und Gase zu gewinnen, zu untersuchen oder gezielt herzustellen, bedarf es kreativer Ideen, ausgeklügelter Verfahren und interessanter Gerätschaften. Das dabei nötige Zusammenspiel von experimentellen Fertigkeiten und einer kritischen Deutungsfähigkeit der Ergebnisse - vor dem Hintergrund solider Fachkenntnisse - schafft die Grundlage für eine Fülle von Aha-Erlebnissen, also für das Entdecken von Zusammenhängen!

In allen Altersgruppen können die experimentelle Eigentätigkeit am Phänomen und das Entdecken plausibler Erklärungen freudvolle Erfahrungen auslösen und zum Dranbleiben anregen.

Was zeichnet einen guten Chemie-Unterricht aus?

Erfolgreicher Chemieunterricht geht zu gleichen Teilen von den Ansprüchen des Fachs wie von den altersgemäßen Anstrengungsmöglichkeiten des Lernenden aus. Zu Beginn des Fachs werden gezeigte wie selbst hervorgerufene Phänomene in Worten beschrieben und in eine symbolhafte chemische Fachsprache übersetzt. Es wird "chemisch" gelernt!

Im weiteren Verlauf wird der Weg methodisch variantenreicher und führt in deutlich kleinen Schritten in eine abstrakte modellhafte Darstellung der nicht sichtbaren Teilchenebene. Um die jeweils zugrundeliegenden Prinzipien deutlich werden zu lassen und damit "Transfair" zu ermöglichen, sind Wiederholungen, neue Beispiele und die fortgesetzte Kombination und Wechselwirkung von Phänomen und Abstraktion auf exemplarische Weise von größter Bedeutung.

  • Chemieunterricht verstehen: Zur Didaktik und Mathematik der Chemie, von Michael Anton, Lehrbuchverlag 2019, 597pp, ISBN: 978-620-2-49037-5.

"Chemieunterricht verstehen" heißt Ihr Buch. Wo orten Sie die größten Verständnislücken?

Es gehört mittlerweile zu den lehrlernwissenschaftlichen Grundkenntnissen, dass Lernen ein aktiver und an den Lernenden gebundener Prozess ist, dass jeder Mensch mit dem lernt, was er weiß, und die Motiviertheit auf Lernerfolg beruht. Von der Lehrkraft aus gesehen muss im Unterricht langsam, also kleinschrittig, praktisch-experimentell wie theoretisch-argumentativ ausgeglichen und unter Einsatz expliziter Unterweisungen vorgegangen werden.

Dauerhaftes Ziel muss es sein, das Neue an vorhandene Vorkenntnisse anzubinden, deutlich strukturiert und übersichtlich darzustellen sowie auf möglichst alltagsrelevante Anwendungsmöglichkeiten zu beziehen. Verstehen heißt, Beziehungen herstellen können - und zwar zwischen Wissen und Information. Dabei muss die Information, der Lehrinhalt auch bewertet werden können, was wiederum von den Bildungsstandards sinnvoll mitgetragen wird.

Dennoch, die dringend erforderliche Weiterentwicklung des Chemieunterrichts wird durch die schulpolitisch fundierten Lehrpläne bisher immer noch viel zu wenig befördert. By the way, die Nutzung digitalisierter Unterrichtsmedien hat per se auf das Verstehen keinen nennenswerten Einfluss.

Die Chemie hatte lange ein Imageproblem und gilt gemeinhin als umweltschädlich. Welche Rolle fällt hier dem Chemieunterricht zu?  

Chemie ist die einzige Naturwissenschaft, die sich auch in einer weltweit äußerst bedeutenden Industrie widerspiegelt. Wer dieses Fach in der Schule und anderen Ausbildungszusammenhängen lehrt, ist immer auch Repräsentant dieser beiden Aspekte. In der Schule ist die Chemielehrkraft, die ja dieses Fach beherrscht, zugleich stets Meinungsvorbild. Als solches muss gerade von ihr die sachliche und objektive Bewertung aller spektakulären Ereignisse, positiv wie negativ, erwartet werden können.

Gerade im Unterricht kann es nicht nur um die Vermittlung detaillierter Fachinhalte gehen, sondern ebenso um die Ambivalenz in der Nutzung von Produkten und Prozessen. Die hohe Komplexität der aktuellen Umweltdiskussion lässt diese Anforderungen an eine chemische Grundbildung als besonders brisant erscheinen!


  • Prof. Dr. Michael Anton hat Biologie und Chemie für das Lehramt studiert. Er war 20 Jahre lang Gymnasiallehrer sowie 22 Jahre Leiter der Chemiedidaktik an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Seit 2003 ist er Honorarprofessor an der Universität Wien. Anton war im Laufe seiner Karriere auch Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Bayerischer Chemiedidaktiker, Mitglied im Team "Innovations in Mathematics, Science and Technology Teaching" sowie Mitglied der Lehrplankommission für das Fach Chemie in Bayern und in Österreich. Website
Chemieunterricht verstehen - erschienen im Lehrbuchverlag 2020
Michael Anton ist Experte für Didaktik der Chemie und langjähriger Gastprofessor der Fakultät für Chemie (Copyright: Michael Anton)