Erinnerung und Würdigung: Martin Karplus (1930–2024)
Das Leben von Martin Karplus war geprägt von unermüdlicher Neugier und dem Wunsch, die inneren Zusammenhänge der Welt zu verstehen. 2013 wurde er mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet, weil er Wissenschaftler*innen die Werkzeuge an die Hand gegeben hatte, chemische Prozesse durch Simulationen vorherzusagen. Sein wissenschaftliches Erbe ist unumstritten. Doch an dem Tag, an dem er seinen 95. Geburtstag gefeiert hätte, standen seine Persönlichkeit, Menschlichkeit und sein Wirken als Mentor im Mittelpunkt. Freund*innen, Familie, ehemalige Schüler*innen und Kolleg*innen, die prägende Jahre mit ihm verbracht hatten, kamen zusammen, um auch den Menschen hinter der Wissenschaft zu würdigen.
Mehr als hundert Personen versammelten sich am 15. März 2025 in der American Academy of Arts & Sciences in Cambridge, und viele weitere nahmen online teil, um das Leben eines außergewöhnlichen Wissenschaftlers und bemerkenswerten Menschen zu ehren. Die Gemeinschaft der „Karplusianer” – ein Netzwerk, das sich über Generationen von Wissenschaftler*innen und Universitäten weltweit erstreckt – entstand durch Martin Karplus' Sinn für Familie und seine Fähigkeit, bei Menschen, die ihm begegneten, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Familienmitglieder, Freund*innen und Wissenschaftler*innen – viele seiner ehemaligen Studierenden sind heute selbst Professor*innen und Koryphäen auf ihrem Gebiet – teilten Erinnerungen nicht nur an den Wissenschaftler und Mentor Martin Karplus, sondern auch an den leidenschaftlichen Koch und Fotografen.
Es gab auch einen anderen Martin Karplus, den Buben, der im Alter von acht Jahren mit seiner Familie aus Wien fliehen musste und als Flüchtling in die Vereinigten Staaten kam. Seine älteste Tochter, Reba, sprach über seine starke jüdische Identität, seinen Stolz auf eine Familientradition, die in Bildung, Humanismus und Gerechtigkeit verwurzelt war – Werte, die seine politischen Ansichten prägten – sowie über seine Wertschätzung der Errungenschaften seiner Familie.
Sein Verhältnis zu seinem Geburtsland blieb zwiespältig. Stefan Boresch, ehemaliger Doktorand der Karplus-Gruppe und heute Professor an der Fakultät für Chemie der Universität Wien, hielt engen Kontakte zur Familie. Er übersetzte die Nobelvorlesung von Martin Karplus ins Deutsche und betreute die deutsche Ausgabe seiner Autobiografie. Boresch erinnerte an ein bezeichnendes Ereignis: Während einer Konferenz in Wien in den 1990er Jahren investierte Martin Karplus viel Zeit und Mühe, um die Erlaubnis des Österreichischen Museums für Volkskunde zu erhalten, die Sammlung seiner Großtante Eugenie „Jenny“ Goldstern zu besichtigen. Die promovierte Ethnologin blieb nach dem „Anschluss“ in Österreich und wurde 1942 in Sobibor ermordet. Ihre Sammlung, die sie dem Museum vermacht hatte, wurde 2004 erstmals öffentlich ausgestellt.
Im August 2024 wurde Martin Karplus in einer Zeremonie an der Harvard University mit Österreichs höchster ziviler Auszeichnung geehrt, überreicht vom österreichischen Botschafter. „Ich denke, es war für ihn eine besondere Freude”, sagte seine Tochter bei der Feier, „dass sie denselben Martin Karplus würdigten, der 1938 als jüdisches Kind aus Österreich fliehen musste.”
Stefan Boresch, der bei der Gedenkveranstaltung drei österreichische „Karplusianer“ vertrat, schloss seine Würdigung mit den Worten: „Martin wendete analytisches Denken und sorgfältige Abwägung aller Seiten nicht nur in der Wissenschaft an, sondern auch in der Politik und in gewisser Weise auf menschliche Interaktion – was ihn meist zu der richtigen oder zumindest einer richtigen Lösung führte. Ich habe von Martin als wissenschaftlichem Mentor immens profitiert. In meinem Versuch, sein Andenken zu ehren, hoffe ich, auch in diesen Aspekten ein wenig von ihm gelernt zu haben.
Aufzeichnung der Feier
Links
- In memoriam Martin Karplus (1930 – 2024), Nachruf auf der Webseite der Fakultät für Chemie
- Späte Ehre für einen Exil-Österreicher: Martin Karplus erhält höchste Auszeichnung der Republik, Webseite der Fakultät für Chemie
- Ehrendoktorat der Universität Wien für Martin Karplus, Website der Universität Wien
- Martin Karplus, Facetten meines Lebens, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (2023)
- Die Sammlung Eugenie Goldstern auf der Website des Volkskundemuseums Wien